Ein Thema, welches die Logopädie schon viele Jahre beschäftigt, ist die Akademisierung. Zu Beginn des Jahres trat eine neue Übergangsregelung in Kraft, die besagt, dass die logopädische Ausbildung hochschulisch angeboten werden kann, wodurch es den Bundesländern und Hochschulen ermöglicht wird, die vorhandenen Studiengänge als reguläres Studienangebot auszubauen oder neue für die Logopädie aufzubauen.
Dies haben wir zum Anlass genommen, das Thema Akademisierung aufzugreifen um euch einen Eindruck über die Meinungen zur Akademisierung verschaffen. Dazu haben wir eine nicht repräsentative Umfrage mit 12 Fragen erstellt und möchten nun die interessanten Ergebnisse mit euch teilen. Neben den Ergebnissen zu den einzelnen Fragen haben wir zusätzlich einige Kreuzauswertungen vorgenommen, um euch einen besseren Einblick zu verschaffen.
Insgesamt haben 124 Personen an unserer Umfrage teilgenommen.
Wie ist / war dein Werdegang?

Wegen den verschiedenen Möglichkeiten wollten wir zu Beginn wissen, wie Dein Werdegang ausgesehen hat. Von den 124 Befragten haben 54,84% die Ausbildung, 22,58% ein Studium und 22,58% haben die Ausbildung und danach zusätzlich ein Studium abgeschlossen.
Im Vergleich zeigt sich, dass der Werdegang unserer Befragten bei 54,84% mit Ausbildung und 45,16% mit Studium ausgeglichen ist.
Möchtest du in der Praxis/Klinik arbeiten oder in die Forschung / Wissenschaft gehen?

Die Logopädie ist ein sehr vielseitiger Beruf, der diverse Möglichkeiten in der Spezialisierung auf bestimmte Störungsbilder in einer Praxis / Klinik oder den Einstieg in die Forschung / Wissenschaft bietet.
Mit 96,77% zeigt die Umfrage klar, dass der Großteil der Befragten die praktische Arbeit in einer Praxis / Klinik bevorzugen. Lediglich 3,23% der Befragten sind daran interessiert in der Forschung / Wissenschaft zu arbeiten.
Um einen besseren Einblick zu bekommen, haben wir Ergebnisse mit Frage 1 „Wie ist / war dein Werdegang?“ verglichen:

Hier zeigt sich, dass der Großteil derjenigen, die im Bereich Forschung / Wissenschaft mit 10,71% den Befragten mit Ausbildung und anschließendem Studium zugeordnet werden kann. Zudem wollen 3,57% der Befragten mit Studium im Bereich Forschung / Wissenschaft arbeiten.
Bei den Befragten mit einer Ausbildung haben 100% angegeben, dass sie die Arbeit in der Praxis / Klinik bevorzugen. Hier muss man hinterfragen, ob die Arbeit in der Forschung / Wissenschaft für die Befragten mit Ausbildung aufgrund der Anforderungen (oft Hochschulabschluss) nicht in Frage kommt, bzw. nicht in Betracht gezogen wird. Das wird in unserer Umfrage aber nicht weiter behandelt.
Für wie sinnvoll erachtest du die Akademisierung?

Auf einer Skala von 0-5 haben die Befragten angegeben, wie sinnvoll sie die Akademisierung erachten. Wobei 0 für nicht sinnvoll steht und 5 für sehr sinnvoll.
Die Durchschnittsbewertung liegt bei 3,2, was zeigt, dass der Großteil der Befragten eher dazu tendieren die Akademisierung als Sinnvoll zu erachtet.
In der folgenden Tabelle wird die Anzahl der Reaktionen auf die Skala dargestellt:

Um genauer darzustellen, wer die Akademisierung als sinnvoll erachtet, haben wir die Ergebnisse mit Frage 1 „Wie ist / war dein Werdegang?“ verglichen:

Hier zeigt sich, dass bei der prozentualen Verteilung die Befragten mit Studium und Ausbildung mit zusätzlichem Studium die Akademisierung als eher sinnvoll erachten.
Für die Auswertung dieser Grafik ist bei den Befragten mit Ausbildung wichtig, dass die Anzahl der Reaktionen auf die einzelnen Antwortmöglichkeiten berücksichtigt wird. So zeigt sich, dass die Befragten mit Ausbildung bei jeder Antwortmöglichkeit mit 9-13 Stimmen vertreten sind und die Meinung zur Akademisierung eher ausgeglichen ist.
Welche Vorteile siehst Du in der Akademisierung?
Diese Frage wurde als „offene Frage“ gestellt, darum haben wir Dir die häufigsten Antworten im folgenden Text zusammengefasst:
Viele erhoffen sich durch die Akademisierung eine bessere Bezahlung und ein höheres Ansehen des Berufes in der Gesellschaft und bei der Zusammenarbeit mit Ärzten. Dadurch soll auch die Attraktivität unseres Berufs gesteigert werden.
Die Akademisierung würde nach der Meinung vieler zudem das evidenzbasierte Arbeiten fördern und die Qualität der Therapien verbessern, bzw. eine bessere Versorgung gewährleisten und höhere Standards setzten. Auch die Gleichstellung des Berufs auf internationaler Ebene würde mit der Akademisierung erreicht werden.
Welche Nachteile siehst Du in der Akademisierung?
Diese Frage wurde als „offene Frage“ gestellt, darum haben wir Dir die häufigsten Antworten im folgenden Text zusammengefasst:
Hierbei überwiegt die Aussage, dass der praktische Anteil während des Studiums zu gering sei, was sich im weiteren Verlauf bei Frage 10 genauer zeigt. Zudem sind viele der Meinung, dass der Nachwuchs in unserer Branche mit der Akademisierung wegen dem zu geringen praktischen Anteil länger brauchen würde um „Einsatzbereit“ am Patienten arbeiten zu können. Auch die Befürchtung, dass der Fachkräftemangel aufgrund der höheren Einstiegsvoraussetzungen steigt, wurde oft genannt.
Könnte die Akademisierung der Logopädie zu mehr Augenhöhe mit Ärzten führen?

Bei unseren Befragten sind 69,67% der Meinung, dass die Akademisierung zu mehr Augenhöhe in der Zusammenarbeit mit Ärzten führen würde.
Das Ergebnis wird durch die Auswertung von Frage 4 „Welche Vorteile siehst Du in der Akademisierung?“ unterstützt.
Trägt die Beibehaltung beider Varianten (Ausbildung & Studium) deiner Meinung nach dazu bei, dass ein Zweiklassensystem unter den Logopädinnen und Logopäden entsteht?

Ob die Beibehaltung beider Varianten dazu beiträgt, ein Zweiklassensystem entstehen zu lassen, sehen die Befragten gemischt und es lässt sich keine klare Aussage treffen. Die Mehrheit mit 58,20% der Befragten vertritt die Meinung, dass die Beibehaltung beider Varianten dazu beiträgt ein Zweiklassensystem entstehen zu lassen.
Bei dieser Frage hatten die Befragten die Möglichkeit zusätzlich einen Kommentar zu hinterlassen. Diese Option haben 38 Befragte genutzt und wir haben die Kommentare im folgenden Text mit den häufigsten Anmerkungen zusammengefasst:
Auch hier sind die Erfahrungen gemischt: Einige der Befragten berichten, dass sie täglich ein Zweiklassensystem erleben, andere, dass sie es noch nie erlebt haben. Es haben uns auch einige Arbeitgeber die Rückmeldung gegeben, dass es Ihnen schwer fällt einen Unterschied zwischen den beiden Varianten zu machen.
Für wie wahrscheinlich erachtest du durch das Studium einen besseren Verdienst?

Auf einer Skala von 0-5 haben die Befragten angegeben, für wie wahrscheinlich sie es erachten, durch ein Studium einen besseren Verdienst zu erhalten. Wobei 0 für unwahrscheinlich steht und 5 für sehr wahrscheinlich.
Die Durchschnittsbewertung liegt bei 2,27, was zeigt, dass die Meinung zur Wahrscheinlichkeit eines besseren Verdienstes durch ein Studium ausgeglichen ist.
In der folgenden Tabelle wird die Anzahl der Reaktionen auf die Skala dargestellt:

Beobachtest Du in deinem Arbeitsalltag einen unterschiedlichen Umgang mit akademischen und nicht-akademische Logopäden?

Der Großteil der Befragten, mit 68,55% kann keinen unterschiedlichen Umgang mit akademischen und nicht akademischen Logopäden im Arbeitsalltag beobachten.
Bei dieser Frage hatten die Befragten die Möglichkeit zusätzlich einen Kommentar zu hinterlassen. Diese Option haben 40 Befragte genutzt und wir haben die Kommentare im folgenden Text mit den häufigsten Anmerkungen zusammengefasst:
Die Befragten gehen oft darauf ein, dass akademische Berufseinsteiger einen Vorteil bei der Anwendung von evidenzbasierten Verfahren haben. Dafür bringen nicht akademische Berufsanfänger mehr Erfahrung in der Arbeit am Patienten mit. Grundsätzlich wird aber kein unterschiedlicher Umgang im Arbeitsalltag beobachtet. Es wurde jedoch angemerkt, dass der akademische Abschluss in Kliniken oft bevorzugt wird.
Ist der praktische Anteil während des Studiums ausreichend?

Hier zeigt sich, dass 73,39% der Befragten den praktischen Anteil während des Studiums als nicht ausreichend empfindet.
Um genauer darzustellen, wer den praktischen Anteil des Studiums als ausreichend erachtet, haben wir die Ergebnisse mit Frage 1 „Wie ist / war dein Werdegang?“ verglichen:

Hier zeigt sich, dass die Befragten die eine Ausbildung absolviert haben mit 89,71% der Meinung sind, dass der praktische Anteil des Studiums nicht ausreichend ist. Hier gilt es zu bedenken, dass diese Befragten das Studium nicht besucht haben und die Beurteilung wohl aus der Zusammenarbeit mit Berufsanfängern stammt. Diese Umfrage geht diesem Zusammenhang aber nicht weiter nach und kann nicht eindeutig beantwortet werden.
57,14% der Befragten mit abgeschlossenem Studium würden zustimmen, dass der praktische Anteil des Studiums ausreichend ist. Dagegen sind 42,86% der Meinung, dass der praktische Anteil nicht ausreicht.
Bei den Befragten die eine Ausbildung und Studium abgeschlossen haben, sind 64,29% der Meinung, dass der praktische Anteil des Studiums nicht ausreicht.
Welcher Weg bereitet dich deiner Meinung nach besser auf den Arbeitsalltag vor?

Die Ergebnisse dieser Frage zeigen, dass 77,42% der Befragten der Meinung sind, dass eine Ausbildung eine bessere Vorbereitung auf den Arbeitsalltag ist.
Um hier einen besseren Einblick zu gewähren, haben wir die Ergebnisse mit Frage 1 „Wie ist / war dein Werdegang?“ verglichen:

Von den Befragten, die eine Ausbildung absolviert haben, empfinden 93,94% die Ausbildung als bessere Vorbereitung für den Arbeitsalltag.
Bei den Befragten mit einem absolvierten Studium ist der größte Unterschied der Meinungen zu sehen. Hier empfinden 64,29% der Befragten ein Studium als bessere Vorbereitung und 35,71% eine Ausbildung.
Bei der Auswertung der beiden Gruppen ist hervorzuheben, dass die Befragten, die ausschließlich eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben, den jeweils anderen Werdegang nicht abgeschlossen haben.
Mit 78,57% empfinden die Befragten, die eine Ausbildung und ein Studium abgeschlossen haben eine Ausbildung als bessere Vorbereitung für den Arbeitsalltag.
Wie wichtig wäre / ist Dir das Prestige eines Studiums?

Auf einer Skala von 0-5 haben die Befragten angegeben, wie wichtig ihnen das Prestige eines Studiums wäre, bzw. ist. Wobei 0 für unwichtig steht und 5 für sehr wichtig.
Die Durchschnittsbewertung liegt bei 2,32, was zeigt, dass die Meinung zum Prestige eines Studiums ausgeglichen ist.
In der folgenden Tabelle wird die Anzahl der Reaktionen auf die Skala dargestellt:

Fazit:
Durch eine Akademisierung könnte das Ansehen unseres Berufs in der Gesellschaft verbessert werden und zu einer Arbeit auf mehr Augenhöhe mit Ärzten führen. Zudem könnte die Qualität von Therapien verbessert werden und dadurch bessere Versorgung gewährleistet werden. Auch auf internationaler Ebene würde durch eine Akademisierung eine Gleichstellung erreicht werden.
Auf der anderen Seite wird der praktische Anteil während des Studiums oft als zu gering empfunden und unser Nachwuchs würde dadurch und durch das längere Studium erst später „Einsatzbereit“ am Patienten arbeiten können. Die Ausbildung wird oft als bessere Vorbereitung auf den Arbeitsalltag gesehen. Durch die höheren Einstiegsvoraussetzungen wird von vielen befürchtet, dass der bereits bestehende Fachkräftemangel weiter steigt.
Der Großteil der Befragten ist an der praktischen Arbeit in der Praxis / Klinik interessiert. Dabei sind die Meinungen zu einem besseren Verdienst durch eine Akademisierung gemischt.
Durch die aktuelle Situation mit beiden Varianten vertritt mehr als die Hälfte der Befragten die Meinung, dass eine Zweiklassengesellschaft entsteht. Einige berichten, dass sie damit täglich konfrontiert werden. Dagegen berichten auch viele, dass sie das noch nicht erlebt haben. Der Großteil unserer Befragten konnte keinen Unterschied beim Umgang im Arbeitsalltag mit akademischen und nicht akademischen Logopäden feststellen.
Die Meinung zum Prestige eines Studiums ist eher ausgeglichen und nicht jeder legt Wert darauf. Eine Akademisierung wird aber dennoch vom Großteil der Befragten als eher Sinnvoll angesehen.
Sollte eine Akademisierung umgesetzt werden, gibt es in Zukunft noch vieles, das im Vorfeld bedacht werden sollte. Im Folgenden haben wir uns einige Gedanken auf Grundlage unserer Umfrage gemacht, die bei einer Umsetzung berücksichtigt werden sollten:
Viele waren der Meinung, dass der praktische Anteil des Studiums nicht ausreichend ist. Hier wäre ein Ansatz, das Curriculum der Studiengänge anzupassen um einen besseren Start in den Arbeitsalltag zu schaffen.
Es muss auch der bereits bestehende Fachkräftemangel berücksichtigt werden. Ob die neuen Einstiegsvoraussetzungen durch ein mögliches höheres Ansehen in der Gesellschaft ausgeglichen werden können, muss in Frage gestellt werden.
Aktuell ist der mögliche Verdienst in unserem Beruf an die Kassensätze gebunden, weshalb ein höherer Verdienst durch eine Akademisierung nicht vorausgesetzt werden kann. Ob die Kassensätze durch eine Akademisierung steigen würden, ist nicht klar.
Was die Zukunft bringen wird, ist ungewiss. Unsere Umfrage hat uns aber einen kleinen Einblick in die Meinung der Menschen gegeben, die bereits täglich im Bereich der Logopädie arbeiten.
Wir möchten uns auch noch einmal bei allen bedanken, die an unserer Umfrage teilgenommen haben!
Quellenhinweis / Urheberrecht:
Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei Logomania. Gerne könnt ihr die Daten unserer Umfrage in eigenen Artikeln verwenden oder teilen. Hierfür muss als Quelle „www.logomania.info“ angegeben werden. Bei Verwendung in Online-Medien muss ein klickbarer Link auf den Original-Artikel gesetzt werden ( https://logomania.info/logopaedie-news/umfrage-akademisierung/ )


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